Sie zaubern ein Lächeln auf die Gesichter aller Menschen, die ihnen an diesem Vormittag im Germeringer Hospiz begegnen. Ella, Cookie und Krümel, drei Lämmchen, sind dort zu Besuch und wirklich jeder ist entzückt von den kleinen, flauschigen Tieren, streichelt sie, spricht sie an – „na, du?“ – Mitarbeiterinnen in der Pflege, Hospizleiterin Tina Lamprecht oder die Gäste, die in ihren Zimmern besucht werden. Die Wirkung der Besuche beschreibt Lamprecht so: „Alle sind glücklich und beseelt.“
Gäste, so nennen sie im Hospiz die Menschen, die dorthin gekommen sind, um in ihren letzten Lebenstagen oder -wochen noch so viel Leben und Wohlbefinden zu empfinden wie möglich. Gabriele Blüschke, 71, aus Germering, ist eine von ihnen. Ella, mit vier Wochen das älteste Lamm, liegt vollkommen entspannt auf ihrem Bett, lässt sich die flauschigen Ohren streicheln und die dichte Wolle kraulen. „Das ist schön bei mir, gell?“, sagt Blüschke zu dem Tierchen, und zu den Menschen im Raum: „Ich bin auch so ein ruhiger Mensch, bei dem die Tiere gern bleiben.“ „Das spüren die schon“, bestätigt Florian Hradetzky. „Herrlich, wie so ein Stofftier“, sagt Blüschke über Ella. „Aber eines, das atmet“, sagt Hradetzky.
Zwischen vier Wochen und vier Tagen sind die Schäfchen alt, Ella und Krümel, der Jüngste, sind Schwarzkopfschafe. Ihre Wolle wird später weiß, Kopf und Beine bleiben schwarz. Cookie, zwei Wochen alt, eine Mischung aus Schwarzkopf- und Merinoschaf, ist weiß mit schwarzen Sprenkeln. Sie alle wurden auf dem Biohof Unglert in Puchheim geboren, doch ihre Mütter haben sie verstoßen oder nicht genug Milch, weil sie beispielsweise Drillinge zu Welt gebracht haben. Dann lässt die Mutter das kleinste, schwächste Lamm nicht trinken. So erging es Krümel.

Silvia und Florian Hradetzky, beide gelernte Krankenpfleger, ziehen die Tiere mit der Flasche auf, deshalb sind sie so zutraulich. Silvia Radetzky hat eine Leidenschaft für die Landwirtschaft und hilft ehrenamtlich auf dem Unglert-Hof. Vor drei Jahren nahm sie eines der mutterlosen Lämmer mit heim – Böckchen Berti. Ihm folgten weitere. Die Hradetzkys haben inzwischen in Puch, einem Ortsteil von Fürstenfeldbruck, eine eigene kleine Herde mit zwölf bis 15 Tieren. Die Zahl schwankt immer ein wenig. „Nicht alle bleiben Genussschafe“, erklärt sie. „Manche wollen auch einfach Schafe sein.“ Die werden, wenn möglich, wieder in die Unglert-Herde integriert. Für die anderen gilt den Hradetzkys zufolge: „Wir sind ihre Herde.“
Wie wohl die Lämmchen sich fühlen, ist offenkundig. Völlig entspannt liegen sie in den Armen ihrer menschlichen Zieheltern. Kein Wunder: Sie haben kurz vor dem Besuch getrunken, sind satt, zufrieden und ein bisschen schläfrig. Genau der richtige Zustand also für den Hospizbesuch. Nacheinander werden die Lämmchen in die Zimmer der Gäste gebracht. Alle drei tragen Windeln, so können sie problemlos auch ins Bett gehoben werden. Eine ältere Frau, die nicht so gut Deutsch spricht, streichelt immer wieder die besonders weichen Ohren von Cookie. Leise spricht sie mit dem Tier: „Meia, meia, Kleine.“ Silvia Hradetzky erklärt den Namen: „Cookie, wie ein kleiner Keks. Und die dunklen Flecken sind die Schokostückchen.“ Da taut die Frau auf, es beginnt ein kurzes Gespräch.

Krümel döst derweil, in eine Decke gewickelt, auf dem Arm von Steffi Kühne von der Bürgerstiftung. Er ist noch zu klein, um zu den Hospizgästen auf den Schoß oder ins Bett zu kommen, aber streicheln lässt er sich gern. „Die Menschen werden in der Gegenwart der Tiere ruhig und können besser entspannen“, erklärt Kühne. „Und beide Seiten genießen die Zuwendung.“ Selbst bei Menschen mit Demenz tauchten oft wieder Erinnerungen auf, etwa an Tiere, die sie selbst hatten.
Die Seniorenhilfe Sonnenschein, ein Stiftungsfonds unter dem Dach der Bürgerstiftung, finanziere diesen Schafbesuch, sagt Kühne. Seit zwei Jahren unterstützt die Bürgerstiftung das Projekt. Silvia Hradetzky war schon zuvor für die Bürgerstiftung tätig, für das Besuchsprogramm „Willkommen im Leben“. Sie und ihr Mann wollen sich auch in tiergestützter Therapie weiterbilden.
Auch Seniorenheime und Kindergärten werden besucht
Die Lämmchen sind nicht die einzigen tierischen Besucher im Hospiz. Ein- oder sogar zweimal pro Woche kommt Hund Lump vorbei, und zweimal im Jahr kommen die Alpakas von Angelika Bartsch aus Malching. Die müssen aber im Garten bleiben. Lump war gerade erst einen Tag zuvor da und Gabriele Blüschke fragt, ob das nun wohl so weitergeht. Sie hätte nichts dagegen.
Und das Hospiz ist nicht der einzige Besuchsort der Schäfchen. Auch Seniorenheime und Kindergärten gehören dazu. Behinderte profitieren ebenfalls von den Lämmchen, wie das neueste Projekt zeigt. Seit Dezember besuchen die Hradetzkys mit den Lämmern einen vierjährigen, schwerbehinderten Buben. Der Kleine sei stark entwicklungsverzögert, erklärt Silvia Hradetzky. Durch die Interaktion mit den Tieren mache er Riesenfortschritte. „Da passiert was. Der ist hinter den Lämmchen her auf dem Popo durchs ganze Wohnzimmer gerutscht. Das macht er sonst nie. Die Mutter war ganz glücklich.“













