Ondertussen bij de Buren (bèta/AI-testfase)

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München-Maler als Chronist des Wandels: „Was mich anfangs überrascht hat, ist verloren gegangen“

München-Maler als Chronist des Wandels: „Was mich anfangs überrascht hat, ist verloren gegangen“ - Fetchub

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Ein atemberaubendes Foto zieht den Blick in Enno Kleinerts Wohnzimmer auf sich. In der Ferne zeichnen sich die schneebedeckten Alpengipfel ab, davor die Silhouette der Stadt mit Dom, Theatinerkirche und unzähligen Dächern. Erst auf den zweiten Blick zeigt sich: Es ist kein Foto, sondern ein Gemälde, von Kleinert mit Ölfarben auf Leinwand festgehalten.

Jede Wand in seinem Wohnzimmer im elften Stock eines Hochhauses ist mit ähnlich großflächigen Bildern der Stadt behängt: die Spitze des Olympiaturms in goldenem Licht, das Stadtpanorama bei Nacht oder am frühen Morgen. Auf dem Tisch stapeln sich in schwarzes und graues Leinen gebundene Skizzenbücher. Seit Kleinert vor fast 60 Jahren nach München zog, zeichnet er das Leben in der Stadt auf – wie ein Chronist mit Bildern statt Worten. Damals, wenige Jahre vor den Olympischen Spielen 1972, war die Innenstadt für den Bau der U-Bahn aufgerissen. Eigentlich kein schönes Bild, doch Kleinert störte sich nicht daran, sagt er. München im Umbruch, eine lebendige Stadt, das begeisterte ihn sofort. Doch vieles, was seine neue Heimat anfangs so besonders für ihn machte, hat sich mittlerweile zum Negativen gewandelt, sagt der 84-Jährige.

Aufgewachsen ist Kleinert am anderen Ende des Landes, in Cuxhaven. Eine Kindheit an der Küste, das müsse doch ein Traum gewesen sein, habe er oft gehört. „Aber ich fand es gar nicht so toll.“ Schuld war die Schule, „ich wollte nicht Mathe lernen, ich wollte nur malen“. Diesen Wunsch hat er von seinem Vater, auch wenn er ihn nie bewusst kennengelernt hat, sagt Kleinert. Der war früh in den Krieg gezogen und dort gefallen, hatte aber seine Skizzenbücher nach Hause geschickt, in denen er die Landschaft in Russland in Aquarellen festgehalten hatte.

Der Sohn wollte dem Vater wohl nacheifern, vermutet Kleinert, anders kann er sich die Anziehung nicht erklären, die Stift und Papier damals schon auf ihn hatten. Er habe noch ein altes Schulheft aus der dritten Klasse, erzählt er, in dem er schon kleine Bilder an den Rand gemalt hatte: die Elbe etwa oder ein Leuchtturm, den die Klasse bei einem Ausflug besucht hatte. Sein späterer Kunstlehrer habe sein Talent dann erkannt, sagt Kleinert, „ich hatte immer automatisch eine Eins im Zeugnis“. Für ihn stand also nie infrage, womit er sich beruflich beschäftigen will, auch wenn seine Mutter es ihm ausreden wollte. Mit der Kunst könne man nichts verdienen, meinte sie.

Kleinert studierte Grafik in Hamburg, nahm dann einen Job in einer Werbeagentur an. Als die 1968 nach München zog, war er zunächst unschlüssig. Doch Hamburg gefiel ihm ohnehin nicht, „die Stadt war damals langweilig“: Es habe kaum Kneipen gegeben, als junger Mensch habe man wenig unternehmen können. Auf die Reeperbahn durfte er nicht. Er war nicht alt genug, damals war man erst mit 21 volljährig. Kleinert entschied sich also für den Umzug und war von Anfang an begeistert von München. Gleich an einem seiner ersten Abende ging er in einen Biergarten, „so etwas hatte ich davor noch nie gesehen“. Vor allem die Menschen machten die Stadt für Kleinert besonders – und ihre Offenheit. In jeder Kneipe habe man schnell Anschluss gefunden, indem man sich zu anderen Gästen an den Tisch setzte. „Ich habe nach einem Jahr in München mehr Leute gekannt als in sechs oder sieben Jahren in Hamburg.“ Auch seine Frau lernte Kleinert in seiner neuen Heimat kennen, „die Stadt wurde mir immer sympathischer“.

Als die Werbeagentur schloss, machte Kleinert sich als Illustrator selbständig, entwarf unter anderem eine Münze für den Inselstaat Palau oder Briefmarken für die Post. Schon immer zeichnete er nebenbei auch privat, sagt er. Das war ihm lieber als Fotografieren: Ein Künstler könne schließlich Dinge an der Szenerie verändern, etwa eine vollständige Pusteblume zeichnen, selbst wenn in der Realität nur noch ein Stängel übrig sei.

Mit dem Fahrrad fuhr Kleinert durch die Stadt, immer auf der Suche nach den besonderen Szenen und ausgestattet mit einem Skizzenbuch. Bewusst wählte er keine schweren Motive, malte zum Beispiel keine Obdachlosen. Ihre Notsituation wollte Kleinert nicht auch noch auf Bildern verewigen. Lieber waren ihm die schönen Seiten des Stadtlebens, die Leichtigkeit und die Orte, an denen Menschen Freude hatten – etwa Kneipen oder Parks.

Anfangs waren seine Zeichentouren eine Möglichkeit, die Stadt zu erkunden, sich mit ihrer Architektur zu beschäftigen und seine neue Heimat kennenzulernen, sagt Kleinert. „Irgendwann kannte ich alles.“ Weitergezeichnet hat er trotzdem, jahrzehntelang – einerseits aus Gewohnheit, andererseits, um beschäftigt zu bleiben, als er in Rente ging. Denn das Zeichnen hielt ihn auch fit: Er war draußen in Bewegung, der Geist war gefordert. Oft fertigte er direkt unterwegs schnelle Skizzen an, im Biergarten, auf der Auer Dult oder in Kneipen. Manche arbeitete er später zu Hause mit Farben aus. Verkauft hat er die kleinen Kunstwerke nie, dafür habe es keine Interessenten gegeben, sagt er. Stattdessen mietete er ein Lagerabteil an, um die vielen Bücher aufzubewahren. Sie sind für ihn auch eine Erinnerung an die Zeit damals.

Ein Teil davon liegt auch in Kleinerts Wohnung. Wer die Bücher durchblättert, bekommt ein Gespür dafür, wo der Künstler sich besonders wohlfühlt. Der Englische Garten gehört dazu oder die Gegend rund um die Türkenstraße. Es seien Orte, an denen einerseits das Leben pulsiere, man andererseits aber auch Entspannung finden könne. Solche Kontraste habe er schon immer geliebt. Ruhig und lebendig zugleich, das ist er auch selbst: Mal erzählt er lange fast regungslos. Dann springt er mehrmals auf, um ein weiteres Skizzenbuch aus einem anderen Raum zu holen und dem Besucher noch mehr seiner Kunst zu zeigen.

Diese Orte, an denen er sowohl Trubel als auch innere Ruhe fand, gab es auch in Kleinerts norddeutscher Heimat. Dort beobachtete er gern, wie im Hafen die Ladung der Schiffe gelöscht wurde, erzählt er. Auch in München fühlte Kleinert sich schnell zu Gewässern hingezogen. Die örtlichen Flüsse seien zwar ganz anders als die raue See, und doch kommen in manchen Momenten Erinnerungen auf – etwa, wenn die Isar bei Hochwasser am Müller’schen Volksbad eine Brandung entwickelt.

Die wirbelnde Welle und der Trubel um die Surfer faszinierten den Künstler sofort.
Die wirbelnde Welle und der Trubel um die Surfer faszinierten den Künstler sofort. (Foto: Enno Kleinert)

Oder an der Eisbachwelle: Wann er zum ersten Mal dort war, weiß Kleinert eigenen Worten zufolge nicht mehr, irgendwann in den 2000er-Jahren müsse es gewesen sein. Doch zu beobachten, wie die Welle in dem sonst ruhigen Gewässer wirbelt, habe ihn gleich fasziniert. Dass man in einem Binnengewässer etwas anderes machen könne, als nur zu paddeln, das habe ihn überrascht, sagt Kleinert. Und die Atmosphäre habe es ihm ebenfalls angetan: Die sei ganz besonders, „an einem warmen Sommertag die herrlich kühle Luft dort unter den hohen Bäumen, das Rauschen des Wassers, die lockere Stimmung“. Das habe Besucher aus aller Welt angezogen, die so etwas noch nie zuvor gesehen haben, vermutet Kleinert. Eine Surfwelle mitten in der Großstadt sei schließlich einzigartig.

Dabei habe anfangs nur eine Handvoll Zuschauer die Surfer beobachtet, von Jahr zu Jahr seien es mehr geworden – erst Einheimische, dann auch Touristen, viele junge Leute, aber auch Ältere und Familien mit Kindern, die lachten, wenn ein Surfer ins Wasser fiel. Irgendwann, so Kleinert, sei der Andrang so groß gewesen, dass er kaum noch Platz gefunden habe. Trotz des Trubels könne man an der Welle gut entspannen: Eine Weile stehenzubleiben und den Surfern zuzuschauen, könne entschleunigend wirken – vielleicht hat es etwas Beruhigendes zu sehen, wie ruhig und souverän sich die Sportler im rasanten Wasser bewegen.

Menschen seien nicht leicht zu zeichnen, sagt Kleinert, sie seien ständig in Bewegung. Deswegen habe er auch noch nie versucht, die Wiesn zu malen – zu viel Hektik. An der Eisbachwelle sei das anders: Dort stehen die Menschen oft gebannt und ruhig.

An kaum einem anderen Ort halten die Menschen so still wie an der Eisbachwelle.
An kaum einem anderen Ort halten die Menschen so still wie an der Eisbachwelle. (Foto: Enno Kleinert)

Kleinert zeichnet sie meist nur von hinten, das erspart ihm einigen Ärger. Viele seien scheu, sagt er, diese Erfahrung hat er immer wieder gemacht. Einmal habe er die Boule-Spieler im Hofgarten gezeichnet. „Da hat mich gleich eine Frau angemotzt“, erzählt er lachend. Er könne doch nicht einfach die Leute zeichnen, meinte sie. „Ich habe mir gedacht: Dann gehe ich halt wieder zu den Surfern.“ Dort sei die Atmosphäre entspannter gewesen, immer wieder sei er mit Zuschauern ins Gespräch gekommen. Wie eine Manie sei das Skizzieren irgendwann geworden: Er machte Fortschritte im anatomischen Zeichnen, die Erfolgserlebnisse wirkten wie eine Sucht.

Nachgehen kann er ihr momentan allerdings nicht, seit einiger Zeit funktioniert die Welle ja nicht. Kleinert bedauert das, aus seiner Sicht sind die Surfer für München genauso wichtig wie das Oktoberfest. Dass die Stadt es bisher nicht geschafft hat, die Attraktion wieder herzustellen, hält er für einen großen Fehler.

Nicht nur die Eisbachwelle ist verschwunden, auch sonst hat München sich verändert, seit Kleinert in die Stadt kam. „Was mich anfangs angenehm überrascht hat, ist verloren gegangen.“ Die Offenheit, mit der die Münchner ihn damals begrüßten, sei jetzt nicht mehr so leicht zu finden. Alles sei hektischer, die Menschen seien unhöflicher und rücksichtsloser. Früher, so Kleinert, habe man Stunden in einer Kneipe verbringen können, ohne etwas konsumieren zu müssen. Heute werde man ständig gefragt, ob man nicht doch noch etwas bestellen wolle. Der Künstler vermutet, dass viele heute mehr am eigenen Gewinn interessiert seien, statt an einer guten Gemeinschaft. Viele würden nur noch auf sich achten, weil sie Angst um ihren eigenen Platz in der Stadt hätten.

Kleinert ist trotzdem noch gern in der Stadt unterwegs, sagt er. Doch gezeichnet hat er seit einiger Zeit nicht mehr. Als seine Frau krank wurde, kümmerte er sich um sie. Auf seine Kunst konnte er sich nicht mehr konzentrieren, zu viel anderes war in seinem Kopf. Auch nach ihrem Tod vor einigen Monaten fehlte dem 84-Jährigen der Antrieb. Den Wunsch, die Stadt wieder mit Stift und Skizzenbuch zu erkunden, hat dennoch weiterhin. „Es gibt noch viel zu gucken hier“, sagt er. Vor allem die lebendigen Momente würde er gern wieder festhalten, sagt er – vielleicht auch eines Tages wieder an der Eisbachwelle.