Wer sich die Berufsbezeichnung Rapper zu eigen machen möchte, sollte nach Möglichkeit von der Straße kommen. Gerade im Gangster-Rap sind Vorstrafen eine der wichtigsten Qualifikationen, und wenn das eigene Führungszeugnis dummerweise leer geblieben ist, wird gerne mal ein Drogendeal oder ein kleiner Raubüberfall dazu gedichtet. Aus diesem Image ist ein Stereotyp – Rapper gleich kriminell und ungebildet – erwachsen, das auf manche zutreffen mag. Aber dann gibt es halt auch Künstler wie Pöbel MC, den rappenden Doktor der Physik.
„Viele sehen in Rap und Bildung einen Widerspruch“, hat der gebürtige Rostocker mal Zeit Campus erklärt. „Ich nicht.“ Mit einer anderen Sicht auf die Dinge hätte er ein Mikrofon wohl maximal für Vorträge über schwarze Löcher und Quantenmechanik in die Hand genommen – und nicht, um sich über „Bildungsbürgerprolls“ lustig zu machen. „Warum machst du nen Harten, aber fällst nach nem Haken?“, fragt er im gleichnamigen Song, im dazugehörigen Video lesen der Künstler und seine Kumpels, optisch alle mehr top fitte Kampfsportler als pensionierte Deutschlehrer, auf der Parkbank das Zeitungsfeuilleton. „Aggression und Bildung schließen sich auf keinsten aus“, hat Pöbel MC schließlich in „Patchworkwendekids“ festgestellt.
Auf Abschieds-Tour in der Olympiahalle
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Für den Neu-Grünwalder werden die letzten München-Konzerte zu Heimspielen. Wird er mit der Familie in der Villa übernachten? Holt er wieder zwei Omas auf die Bühne? Und warum hört der „größte Popstar des Deutsch-Rap“ eigentlich auf?
Apropos Wende: Kurz vor der Wiedervereinigung in Rostock geboren, ist Pöbel MC in einem Land aufgewachsen, das seine Teilung bis heute nicht verarbeitet hat. „Bei vielen mit Ost-Sozialisation ging es darum, nach der Wende eine persönliche Freiheit zu haben und zu leben“, hat er mal der Juice gesagt. Mehr reisen, der Umgang mit Geld, all das war plötzlich neu für die Generation seiner Eltern. Hinzu kam das Selbstwertgefühl, viele fühlten sich nicht gleichauf mit den Wessis, die Demokratie und Kapitalismus ja seit Jahren geübt haben und somit einen Wissensvorsprung hatten.
Bei Pöbel MC hat das dafür gesorgt, dass er der Schneller-höher-weiter-Maxime von Anfang an mit einem gesunden Misstrauen begegnet ist. Lebensqualität bemisst sich für ihn nicht danach, ob der Kontostand vier-, fünf- oder sechsstellig ist, auch das unterscheidet ihn von vielen seiner neureichen Rap-Kollegen. Pöbel MC will stattdessen mehr darauf achten, was ihm und den Menschen um ihn herum guttut. „Ich glaube, das ist etwas, das im blinden Erfolgsstreben verloren geht“, hat er der Juice gesagt.
Trotz seines skeptischen Blicks auf die Leistungsgesellschaft hat Pöbel MC mehr auf die Beine gestellt als manch selbst ernannter Highperformer, der abends zum Afterwork geht und sich dabei die Nase pudert, um den Erwartungen gerecht zu werden. Die Promotion in Physik hat er nach eigenen Angaben inzwischen abgeschlossen, nebenbei füllt er nach ersten musikalischen Gehversuchen in ostdeutschen Jugendzentren die Konzerthallen der Republik und hat dabei hohe Ansprüche an sich selbst.
Eloquenz, Kompetenz, Bühnenpräsenz – all diese Fähigkeiten hat er sich selbst auf die Fahne geschrieben. Eine Ansage, mit der Pöbel MC unterstreicht, dass er die wichtigste Eigenschaft für das Rapper-Dasein mitbringt: Denn ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein brauchen sie alle, egal ob mit Vorstrafen oder Uni-Abschluss.
Pöbel MC, Samstag, 31. Januar, 20 Uhr, München, Muffathalle