Es ist Samstagvormittag, die kleinen Straßen des 6.000-Einwohner-Städtchens sind fast menschenleer. Nur auf dem Platz vor dem in die Jahre gekommenen Promenadenkaufhaus ist etwas los: rote Hüpfburg, Torwandschießen, Bratwurst, Basteln. Eine Schülerband spielt, die Kirchengemeinde verkauft Kaffee und Limonade. Menschen sitzen unter Sonnenschirmen, grüßen Bekannte.
Es sieht aus wie ein gewöhnliches Straßenfest, doch es ist eine Reaktion auf die AfD. Darauf, dass die Partei im ländlichen Sachsen-Anhalt seit Jahren auch mit Grillwürsten und Freibier Präsenz zeigt. Das Fest in Osterburg ist in gewisser Weise der Versuch, die AfD mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.
In wenigen Tagen wird in Sachsen-Anhalt gewählt, und die mögliche absolute Mehrheit für die AfD hat nicht nur deren Anhänger mobilisiert, sondern auch ihre Gegner. Im ganzen Bundesland sind Initiativen wie diese hier entstanden. Der Magdeburger Rechtsextremismusforscher David Begrich beobachtet, dass sich in diesem Wahlkampf Menschen engagieren, die vorher kaum politisch aktiv waren.
Dass es hier um mehr als Unterhaltung geht, macht René Schernikau von der Initiative »Einfach machen« gleich bei der Eröffnung des Straßenfests deutlich: »Wir sind hier, um mit Ihnen ins Gespräch zu kommen«, sagt er ins Mikro, und das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Denn die Menschen, die bei »Einfach machen« dabei sind, wollen auch, dass die AfD die Wahl nicht gewinnt.
Die AfD habe im Wahlkampf ganz bewusst wenig über Politik gesprochen, sagt David Begrich, der für den Verein Miteinander das Auftreten der Partei seit Jahren beobachtet. Sie habe eine Ansprache gewählt, die »eher auf Emotionen setzte«.
Straßenfeste, sagt Begrich, seien ein guter Weg, um Menschen zu erreichen, die sonst wenig mit Politik zu tun haben. »Viele in Ostdeutschland empfinden die Sphäre des Politischen als etwas sehr weit Entferntes.« Da sei es wichtig, sie auf die konkrete Lebensrealität der Menschen herunterzubrechen.
In der Altmark ist das eine besondere Herausforderung. Es gibt viele kleine Dörfer, pro Quadratkilometer wohnen hier gerade einmal 39 Menschen, die Strecken sind weit. Die Verbandsgemeinde, in der René Schernikau Bürgermeister ist, ist über 300 Quadratkilometer groß. Die ärztliche Versorgung ist ein Problem, genauso wie die Ausbildungsmöglichkeiten für junge Menschen. »Viele Lösungen, die Bund und Land anbieten, funktionieren hier einfach nicht«, sagt Schernikau, der auch für die Linke kandidiert.
Es ist nicht leicht, mit den Menschen hier über Politik ins Gespräch zu kommen. Gegenüber vom Promenadenkaufhaus sitzen vier Rentnerinnen auf ihren Rollatoren. »Mit Politik beschäftigen wir uns nicht mehr«, sagt eine, die anderen nicken. Ob ihnen die AfD Angst macht? »Wir werden sehen, was nach der Wahl kommt«, entscheiden sie gemeinsam. Dann schweigen sie wieder.

