Alle fünf Jahre schrauben die USA auf Basis neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse an ihren Ernährungsempfehlungen. Meist behutsam. Doch dieses Mal ist alles anders. US-Gesundheitsminister Kennedy stellt die Ernährungspyramide wortwörtlich auf den Kopf. Doch der Umbau birgt gesundheitliche Risiken. Die sind aus Sicht von FITBOOK-Ernährungsexpertin Sophie Brünke nicht kleinzureden.
Die Pyramide steht jetzt Kopf
Der größte Bruch mit der Vergangenheit: Proteine stehen im Mittelpunkt. Um das zu zeigen, wurde die Pyramide um 180 Grad gedreht. An der Spitze: Fleisch, Käse und Milch. Im Fließtext zur Pyramide wird zwar erwähnt, dass auch pflanzliche Eiweißquellen wie Bohnen oder Soja gegessen werden sollen. Grafisch dominieren jedoch Fleisch und Milchprodukte.
Ob das hilft, die von Kennedy beschriebene „Health Emergency“ (dt.: Gesundheitskrise) zu bekämpfen? Daran bestehen Zweifel.
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Deutlich mehr Eiweiß empfohlen
Die neuen Richtlinien empfehlen 1,2 bis 1,6 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht am Tag. Das ist doppelt so viel oder mehr als die bisherige Empfehlung von 0,8 Gramm, die auch in Deutschland gilt. Eindeutige wissenschaftliche Belege, dass ein Mehr an Protein einen zusätzlichen gesundheitlichen Nutzen bringen würde, existierten jedoch nicht. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät erst bei mehr als fünf Stunden Sport pro Woche zu höheren Mengen von 1,2 bis 2,0 Gramm – je nach Trainingsziel.
Tierische Eiweißquellen liefern im Gegensatz zu pflanzlichen keine Ballaststoffe. Diese sind aber entscheidend für eine gesunde Darmflora und die Vorbeugung diverser Erkrankungen. Dazu gehören etwa starkes Übergewicht und Herzerkrankungen. Also genau solche, mit denen US-Amerikaner zu kämpfen haben. Pflanzliche Proteinquellen bieten darüber hinaus sekundäre Pflanzenstoffe und ungesättigte Fettsäuren. Die wirken sich günstig auf die Gesundheit aus.
Risiko durch Fleisch und gesättigte Fette
Ein hoher Konsum von Fleisch- und Milchprodukten kann die Aufnahme gesättigter Fette erhöhen. Das steigert das Risiko für chronische Erkrankungen. Besonders rotes Fleisch gilt als problematisch. Die Weltgesundheitsorganisation stufte rotes Fleisch bereits 2015 als wahrscheinlich krebserregend ein, verarbeitetes Fleisch sogar als krebserregend.
Neue Richtlinien sind deutlich kürzer
Der Leitsatz der neuen Empfehlungen lautet: „Eat real food.“ Gemeint sind möglichst unverarbeitete Lebensmittel. Das klingt zunächst vernünftig. Negativ fällt jedoch der Aufbau auf. Die neue Pyramide wirkt grob, wenig detailliert und unübersichtlich. Es gibt nur noch wenige Kategorien, klare Abgrenzungen fehlen. Gehört eine Avocado zu den Fetten oder zu Obst und Gemüse? Beides ließe sich begründen.
Auch der Umfang wurde deutlich reduziert. Statt 164 Seiten wie noch für 2020 bis 2025 gibt es jetzt nur noch zehn Seiten. Ausführliche Kapitel zu einzelnen Altersgruppen fehlen. Stattdessen muss man sich mit einer Handvoll vager Stichpunkte begnügen. So solle man etwa „wenig“ Alkohol trinken. Was das mengenmäßig bedeutet, ist wohl dem Leser vorbehalten.
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USA kämpfen mit Übergewicht
Die USA haben seit Jahren ein massives Problem mit chronischen Erkrankungen. Die Zahlen zu Übergewicht und Adipositas sind explodiert. 1990 galten 21,2 Prozent der Frauen und 16,9 Prozent der Männer als adipös. 2022 waren es bereits 43,8 Prozent der Frauen und 41,6 Prozent der Männer. Übergewicht ist ein zentraler Risikofaktor für Diabetes Typ 2, Krebs sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
So sah die alte Ernährungspyramide aus
Die bisherige US-Ernährungspyramide folgte dem klassischen Prinzip: unten breit, oben schmal. Die Basis bildeten Kohlenhydrate wie Vollkornprodukte. Darüber kamen Obst und Gemüse. Es folgten Milch- und Fleischprodukte in Maßen. An der Spitze: Öle, Fette und Süßigkeiten.
Laut einem Bericht der „New York Times“ ignorierte Gesundheitsminister Kennedy jedoch die Empfehlungen eines Expertengremiums aus der Zeit der Biden-Regierung. Stattdessen setzte er auf neue, handverlesene Fachleute. Einige von ihnen legten kürzlich finanzielle Beziehungen unter anderem zur Rindfleisch- und Milchindustrie offen.

