Die Lehre von den Schimpfwörtern, Malediktologie genannt, ist ein weites Feld, besonders in Deutschland. Vor nicht allzu langer Zeit kam eine weltweite Studie zu dem Schluss, dass niemand variantenreicher flucht als die Menschen im Land der Dichter und Denker. Den deutschsprachigen Studienteilnehmern fielen im Schnitt 53 Schimpfwörter ein, während die spanisch- und englischsprachigen Probanden auf gerade mal 16 Begriffe kamen. Welch bemitleidenswerte Spatzenhirne! Denn, auch das ist wissenschaftlich erwiesen, Fluchen hat eine schmerzlindernde Wirkung.
Am schönsten und ungeniertesten schimpft es sich, für diese Erkenntnis braucht es keine Studie: im Auto. Weil dort niemand zuhört, höchstens das Handy, das einem dann permanent Werbung für Antiaggressionstrainings einspielt. Doofes Daddelding! Oder der Nachwuchs auf der Rückbank, von dem man eigentlich dachte, er konzentriere sich auf sein Conni-Hörspiel. Doch dann bittet die Erzieherin zum Krisengespräch: „Ihr Kind hat neulich beim Dreiradfahren im Garten den Franz-Otto als ‚scheiß-lahme Kriechschnecke‘ beschimpft und behauptet, dass die Mama das auch immer sagt.“
Wie soll man es denn auch sonst nennen, wenn auf der A99 ein Auto mit dem Kennzeichen MÜ-DE direkt vor einem mit Tempo 72 auf die linke Spur ausschert? Der großstädtische und somit großspurige Autoinsasse im Land der Dichter und Lenker erkennt seine Feinde bereits anhand ihres Nummernschilds. Dabei gemeindet er jeden Nicht-Großstädter in die Kategorie „Landei“ ein, schließlich bremsen potenziell auch Bewohner von Klein- und Mittelstädten vor mehrspurigen Kreuzungen hilflos ab, können nur in Riesenlücken einparken und erstarren vor Tunnels mit mehreren Ausfahrten in Ehrfurcht.
Die Autofahrer aus den Metropolen können es in ihrem Schimpftiraden-Erfindungsreichtum mit Goethe („Leck mich im Arsch“, auf Fanta-Vier-Deutsch LMAA) aufnehmen. Dabei bedienen sie sich der Technik der Backronym-Genese: FFB steht für „Fahrer fährt blöd“, ED für „entsprungener Depp“, RO für „rasender Ochs“, AÖ für „ausgewanderter Österreicher“, um nur einige Verunglimpfungsbeispiele aus der Gegend rund um München zu nennen. Andernorts fahren „bereifte Mörder“ umher (BM, Rhein-Erft-Kreis mit der Kreisstadt Bergheim), „Dorftrottel“ (DT, Detmold) und Leute „ohne Gehirn“ (OG, Offenburg). Oder es sitzt ein „Hirsch am Steuer“ (HAS, Haßberge).
Aus großstädtischer Perspektive ist es also sehr zu begrüßen, dass Fahrzeughalter aus dem Münchner Umland von Montag an die Gelegenheit haben, sich mit dem neuen MU-Kennzeichen direkt als solche zu erkennen zu geben und sich nicht länger mit einem M als Stadt-Münchner zu tarnen, obwohl sie aus, sagen wir mal, Sauerlach oder Putzbrunn kommen. Jetzt braucht es nur noch ein passendes Backronym, vielleicht ja dieses hier: MU = „motorisierter Unhold“.
