Schälen Sie mal ein Kilo Möhren. Und dann schauen Sie sich Ihre Hände an. Gelb. Oder Orange. Oder orange-gelb. Egal. In jedem Fall haben Sie das an den Fingern, was in vielen Lebensmitteln wie Softdrinks, Süß- und Backwaren sowie in manchen Gummibärchen anstatt chemischer Farbstoffe eingesetzt wird. Klar, aufregend ist diese Erkenntnis nicht. Aber bevor Sie den Rest, nämlich die Möhrenschalen wegwerfen, sollten Sie vielleicht noch einen zweiten Blick darauf werfen: Denn darin steckt bestes Protein – lecker und gesund.
Das haben Wissenschaftler der Justus-Liebig-Universität Gießen herausgefunden. Wobei die Möhrchenreste erst mal einen Prozess durchlaufen müssen. Dabei verwandelt ein rosafarbener Pilz flüssige Möhrenreste in ein proteinreiches Lebensmittel und macht damit aus dem Abfall von heute das Essen von morgen. Im Fokus steht das Pilzmycel (das feine Fadengeflecht, aus dem der „Körper“ eines Pilzes besteht) von Pleurotus djamor, auch als rosa Austernpilz oder Rosenseitling bekannt. Er wächst in der Flüssigkeit, die zurückbleibt, wenn die Farbstoffe bei der Möhrenverarbeitung entzogen wurden. Sie enthalten zwar noch Zucker und Mineralstoffe, galten bisher aber als kaum nutzbarer Reststoff.
Der Rosa Austernpilz ist eine Schönheit für sich, der man ihren Heißhunger auf Möhrchen gern zugesteht
Der Zucker dient dem Pilz dabei direkt als Energiequelle. Er wird verbraucht und vollständig in Pilzbiomasse umgewandelt. Das Ergebnis: ein eiweißreiches Produkt. Je nach Medium enthält es etwa 21,6 Gramm Protein pro 100 Gramm bei schwarzer Möhre und bis zu 31,0 Gramm bei orangefarbener Möhre.
[–>Ernährungsrechtlich gilt das als „hoher Proteingehalt“. Auch der biologische Wert (BW) liegt mit bis zu etwa 83 im Bereich tierischer Proteine: Rindfleisch hat etwa 80 BW, Schweinefleisch 80-85, Kuhmilch 90, ein Hühnerei 100 BW.
Das Pilzprotein wurde von den Wissenschaftlern in Burgerpatties und vegane Würste eingearbeitet und ersetzte dort Soja- oder Kichererbsenprotein. In Geschmackstests schnitten Patties mit 100 Prozent Pilzprotein sogar besser ab als rein sojabasierte Varianten. Aus flüssigen Möhrenresten entsteht so ein direkt nutzbares Lebensmittel. Möhrchen zu essen könnte also künftig nicht nur für die Augen gut sein. Auch unsere Muskeln hätten etwas davon. Vorausgesetzt: Ein Pilz hätte ihre Reste vorher vernascht.

