Vielleicht verhält es sich mit diesem neuen Restaurant in der Altstadt wie mit dem Schwarz-Weiß-Foto an der Wand. Auf einem der München-Bilder im Gastraum erkennen Ortskundige die Propyläen, davor steht ein Riesenrad. Ein irritierender Anblick des Königsplatzes. An manchen Abenden fragt der Geschäftsführer Lucas Kucz seine Gäste, aus welchem Jahr die Aufnahme wohl stamme. Wer richtig rät oder Bescheid weiß, bekommt einen Obstler aufs Haus.
Was das nun über den Wesenskern des Restaurants Elsa aussagt, das seit Herbst 2025 die touristenwuselige Bräuhausstraße aufwertet? Gene Tonic meint: jede Menge. Denn auch auf den Tellern erblickt man Vertrautes aus München und Bayern, Deutschland und den alpinen Nachbarländern – und wird doch regelmäßig überrascht, manchmal auch irritiert. Der viel beschworene Twist bei lieb gewonnenen Gerichten, hier ist er Programm.
Ein paar Beispiele vorab. Die Kaskrainer (16 Euro) ist nicht einfach eine Kaskrainer. Sie ist eine Wurst aus Wagyu-Rind (Westerberger Fullblood), die bunt garniert mit Zwiebelmarmelade, Senf, Röstzwiebeln, Kren und Salat von einer Brioche ummantelt wird.
Die Kasspatzn kommen mit Trüffelschaum daher, wahlweise zusätzlich mit geriebenem Trüffel (24 beziehungsweise 29 Euro). Und auch den Steckerlfisch gibt’s als kleine feine Portion, mit köstlichem Makrelensud und Minibrezn (19 Euro). Wir staunten, wie wir auch beim Anblick des Riesenrades vor den Propyläen staunten.

Aber der Reihe nach. Das Elsa befindet sich in direkter Nachbarschaft zu einer anderen Münchner Sehenswürdigkeit: Nur wenige Schritte sind es zum Hofbräuhaus, weniger noch zum Luxushotel Mandarin Oriental. Lucas Kucz und Küchenchef Philipp Naase haben die überschaubaren Gasträume für ihr erstes eigenes Restaurant auserwählt. Zuvor hatte hier die Brasserie Thi ihre Heimat.
Kucz, Naase und ihr junges Team bringen reichlich Erfahrung aus der Spitzengastronomie mit (Chiemgauhof in Übersee, Atelier im Bayerischen Hof, Essenz in Grassau). Im Elsa versprechen sie „deutsche Wohlfühlküche“, Bewährtes „mit einer Prise Österreich – und einer eigenen Handschrift, die das Gericht ins Heute holt“. Ein zu Scherzen aufgelegter Stadtführer würde aufgrund der oben beschriebenen Lage möglicherweise sagen: Sie bringen dem Hofbräuhaus ein bisschen Luxus nahe.

Wie die Ergebnisse des Konzepts ausschauen und schmecken, sei exemplarisch an ein paar Gerichten skizziert, die sich besonders eingeprägt haben. Generell überzeugten uns an zwei Abenden die meisten der etwa zehn probierten Gerichte, von Vorspeisen und Zwischengerichten über Hauptgerichte bis zum Dessert. Lediglich der zu fettig geratene Reiberdatschi zur gelungenen Lachsforelle (28 Euro) und der Gurken-Rahm-Salat zum Cordon bleu vom Kalb (31 Euro) waren „nur“ solide.
Aufs Schönste verblüfft haben uns folgende Meisterwerke. Da wäre zum einen der geschmorte Spitzkohl mit Sauce hollandaise (mit Marille verfeinert) und Kartoffelpüree (22 Euro). Ausgewogen war das Spiel der Aromen, definitiv ein Gericht für die Seele. Gene Tonics Begleitung frohlockte: „Schmeckt, wie wenn man in Großmutters gemütlicher Bauernstube zum ersten Mal die Sisi-Filme schaut.“ Das wiederum dürfte dem Anspruch der Gastgeber recht nahekommen, die auf der Homepage verkünden: „Zu Hause beginnt dort, wo der Geschmack Erinnerungen weckt.“
Irritierend und faszinierend zugleich
Einen Hui-Moment bescherte uns das auf den ersten Blick unscheinbare und für 31 Euro nicht gerade üppige Cordon bleu. Das gute panierte Stück badete in einem Preiselbeerspiegel. Beim Durchschneiden des Fleisches floss der Käse in perfekter Käsefondue-Konsistenz heraus. Ein kleines, sanftes Spektakel auf dem Teller. Auf Nachfrage erklärte man uns, die später ins Fleisch eingearbeitete Liaison aus Appenzeller und Comté werde genau so vorbereitet: als Käsefondue (in eine Richtung gerührt!). Geschmacklich herrlich würzig, die Panade kross, das Fleisch zart.
Ähnlich beglückt waren wir bei der fluffigen Dampfnudel mit Vanillesoße, Blaubeeren und Mohn (12 Euro), die lediglich optisch etwas irritierte, weil arg flach geraten. Ein Störfaktor auch bei der hauseigenen Bratapfel-Interpretation (10 Euro). Diese bestand aus Vanille-Eis, Spekulatius-Krümel und Krokant-Plättchen, weißer Schokoladen-Mousse in einer Essenz aus Bratapfel. Der Störfaktor waren grüne Tröpfchen in der klaren Essenz, die sich als Dill-Tropfen entpuppten. Irritierend und faszinierend zugleich. Wie das Riesenrad vor den Propyläen.

Wenn Herrschaften aus der Spitzengastronomie am modernen Wirtshaus anklopfen, dürfen womöglich auch Kaviar und Austern nicht fehlen. Über ein bisserl bodenständige Dekadenz darf man auch im Elsa schmunzeln, wenn etwa „Kaviar Brotzeit“ (10 Gramm 27 Euro, 30 Gramm 80 Euro) oder „Bayerische Auster“ (6 Euro pro Stück) auf der Karte um Beachtung buhlen.
Erstere bedeutete ein Döschen Kaviar (Ossetra Imperial), eine kleine Brezn (etwas staubig für unseren Geschmack) und Schmand mit Röstzwiebeln. Brezn und Kaviar, na servus! Aber warum eigentlich nicht? Die Auster kam mit Grammeln und Apfel daher, sah köstlich aus und schmeckte auch so. Tipp: unbedingt das Vinschgauer Brot dazu bestellen (6,50 Euro). Nicht nur das warme Brot, auch der dazu gereichte Erdapfelkas waren ein Gedicht!

Nun kann man das alles dekadent finden. Dann geht man besser in eines der Wirtshäuser mit den immergleichen Gerichten. Wer aber offen ist für ein feinfühliges Update deutscher Wohlfühlküche, der wird im Restaurant Elsa eine Bereicherung der Innenstadt erkennen. Laut Auskunft wechselt die Karte alle sechs Wochen, einige Gerichte bleiben länger. Wenn die Wahl schwerfällt, kann man sich auch für das Vier-Gänge-Überraschungs-Menü entscheiden (69 Euro, mit Weinbegleitung 115 Euro).
Service und Beratung waren an beiden Abenden ausgezeichnet im Sinne von: aufmerksam, gut gelaunt und kompetent. Als Alternative zum (vorzüglichen) Wein wurde ein alkoholfreier „Champagner“ empfohlen, der der Bestellerin sehr gut gefiel, weil weich, perlend und tief im Geschmack („Blanc de Blancs“ von Oddbird, kleines Glas für 10 Euro).
Gelöst wurde schließlich auch das Rätsel um das Foto mit dem Riesenrad. Gene Tonics bester Freund lag bei seiner Schätzung nur ein Jahr daneben. Tipp: Die Szenerie ist weniger lange her, als die altmodisch anmutende Schwarz-Weiß-Aufnahme suggeriert. Also: hingehen, anschauen, mitraten. Vor allem aber: genießen!
Restaurant Elsa, Bräuhausstraße 8, 80331 München, Telefon: 089/59998867, Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 18 bis 24 Uhr (Küche bis 21 Uhr)
Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

