Jahrelang waren Kinderbetreuungsplätze rar, die Kommunen kamen mit dem Ausbau kaum hinterher. Und doch konnte das Angebot nicht überall mit der steigenden Nachfrage Schritt halten. Nun scheinen sich die Zeiten zu ändern. In der Gemeinde Maisach wird es von Herbst an fast 50 Betreuungsplätze in Kita und Hort weniger geben, weil die Nachfrage dafür fehlt. Maisach ist damit die erste Kommune im Landkreis Fürstenfeldbruck, die Betreuungsplätze kappt, aber „die Tendenz ist überall die gleiche“, sagt Bürgermeister Hans Seidl (CSU), der als Kreisvorsitzender des bayerischen Gemeindetags einen guten Überblick über die Situation in den Kommunen im Landkreis hat.
Dabei hatte vor noch nicht einmal zwei Monaten das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln bekannt gegeben, dass bundesweit 300 000 Krippenplätze fehlen. Für insgesamt 1,1 Millionen Kinder dieser Altersgruppe wünschten sich die Eltern im Jahr 2025 einen Betreuungsplatz, heißt es darin, doch nur 800 000 Kinder seien tatsächlich in einer Einrichtung betreut worden. In Bayern fehlt demnach für 12,8 Prozent der Kinder ein Betreuungsplatz.
Was also ist in Maisach los? Es gebe nach der Corona-Phase und in Zeiten zahlreicher Krisen weniger Kinder und auch weniger Zuzug nach Maisach, sagt Seidl. Zum anderen „hat sich die Arbeitswelt verändert“. Bei vielen Eltern habe sich die Arbeit im Homeoffice etabliert, auch deshalb würden externe Betreuungszeiten reduziert.
Die Entwicklung, wie sie jetzt in Maisach sichtbar wird, hat in den ostdeutschen Bundesländern längst eingesetzt. Das geht auch aus der Untersuchung des IW hervor, das von einem regelrechten Einbruch bei der Zahl der Kinder unter drei Jahren in den ostdeutschen Bundesländern spricht. Mit der Folge, dass ein „Rückbau der Kapazitäten im dortigen Betreuungssystem nach derzeitigem Stand unausweichlich erscheint“, so das Wirtschaftsinstitut.
2018 wurden noch 180 Kinder geboren, im vergangenen Jahr waren es nur noch 102
Aber Maisach im Speckgürtel Münchens? In der 14 000-Einwohner-Gemeinde und ihren 24 Gemeindeteilen wurden im Jahr 2018 noch 180 Kinder geboren, 2024 waren es 115 und 2025 nur noch 102. Allein in den vergangenen drei Jahren kamen 116 Kinder weniger auf die Welt, hat die Gemeinde ausgerechnet. Das „entspricht einem ganzen Kinderhaus“, heißt es in einer Informationsunterlage an die örtlichen Gemeinderäte. Die Lage hat sich schnell gedreht: Zunächst hatte Maisach wie viele andere Kommunen zu wenige Betreuungsplätze für Krippen- und Kindergartenkinder und „eine lange Warteliste“, erinnert sich Bürgermeister Seidl. Seit 2024 blieben dann Betreuungsplätze frei. Im laufenden Kitajahr 2025/2026 sind 25,5 Krippenplätze, 16 Kindergartenplätze und 43 Hortplätze unbesetzt.
Die Gemeinde versuchte gegenzusteuern: Der Hinweis an ansässige Gewerbebetriebe auf freie Betreuungsplätze blieb jedoch ohne Resonanz. Man warb um Gastkinder aus anderen Kommunen, die nun statt einem drei Jahre und damit bis zum Schuleintritt in Maisacher Einrichtungen bleiben dürfen. Auch gibt es mittlerweile Splittingplätze für Krippenkinder, die nicht die ganz Woche in die Einrichtung kommen wollen, doch nur fünf Elternpaare nahmen das Angebot an.

Jetzt wird gestrichen und umgeschichtet: Zum 1. September wird im BRK-Kinderhaus Schlawuzi im Maisacher Ortsteil Gernlinden eine Krippengruppe mit zwölf Plätzen stillgelegt –was nicht endgültig geschlossen heiße, sagt Seidl. In der zweigruppigen Kinderkrippe Maisacher Zwergerl wurde bereits eine Gruppe stillgelegt, weil ohnehin elf Plätze unbelegt waren. Die verbliebene Krippengruppe zieht demnächst in den ebenfalls von der Diakonie betriebenen benachbarten Schülerhort Emmaus um. Dort ist Platz, weil eine Hortgruppe mit 25 Plätzen keine Nachfrage gefunden hat und damit dauerhaft geschlossen wird. Die bisherigen Zwergerl-Räume werden dem Schulkindergarten des Vereins „Kinder spielen und lernen“ (Kispul) zur Verfügung gestellt, der künftig Integrationskinder aufnehmen möchte.
Die Betreuung der Kinder in insgesamt 13 Einrichtungen lässt sich die Gemeinde Maisach vier Millionen Euro im Jahr kosten. Während der Bund etwa ein Drittel der Betriebskosten trage, sei der Anteil der Kommunen in den vergangenen Jahren von dreißig auf bis zu 45 Prozent gestiegen, sagt Seidl. Und das in Zeiten, in denen Städte und Gemeinden über finanzielle Engpässe klagen. Den Rest finanzieren die Eltern über die Gebühren, die ebenfalls erhöht wurden, um steigende Personal- und Energiekosten in den Einrichtungen aufzufangen.
Dabei sei eine Kommune wie Maisach daran interessiert, jungen Familien mit Kindern, die aus München ins Umland ziehen, ein gutes Gesamtpaket zu liefern, betont Seidl. Dazu gehöre für ihn aber auch, „Kapitalabflüsse in nicht benötigte Plätze zu verhindern“ und stattdessen die bestehenden Plätze mit hoher Qualität anzubieten.

