Man muss schon genau hinsehen, um den kleinen schwarzen Punkt vor der hellen Scheibe zu erkennen. Und man muss ein bisschen raten, dass es genau um diesen schwarzen Punkt hier geht. Dieser Punkt, das ist die Venus, die am 8. Juni 2004 die Sonne passierte. Wolfgang Tillmans hat den Venustransit damals durch ein Teleskop fotografiert. So wie auch andere Menschen. Und sieht man sich andere Aufnahmen von diesem Event im Internet an, so wirkt das Bild des weltweit bekannten deutschen Fotografen gar nicht mal so anders oder gar spektakulär. Aber das ist eine der Eigenheiten von Tillmans, wie man vom Ausstellungskoordinator im Espace Louis Vuitton in München, Leon-Vincent Löhe, erfährt. „Tillmans sucht den normalen Blick. Er will nachvollziehbare Erlebnisse schaffen.“
Löhe erzählt das bei einem Rundgang durch die Ausstellung „Wolfgang Tillmans. Passages Silencieux. Selected Works from the Collection“, die Arbeiten des Fotografen aus mehr als 30 Jahren präsentiert. Die älteste stammt aus dem Jahr 1986, die neueste von 2020. Aber: Die Werke sind nicht chronologisch gehängt. Auch gibt es keine Hierarchie, keine eindeutige Ordnung. Ein paar Bilder haben einen Rahmen, die meisten aber nicht. Auch das ist alles typisch für den Fotografen, der Auswahl und Hängung selbst vorgenommen hat. Was vielleicht zufällig wirkt, ist also gewollt. Bei der Arbeit jeden Schritt zu kontrollieren, auch das ist, so Leon-Vincent Löhe, eine Tillmans’sche Eigenheit.
Und das hat sich ausgezahlt, wie im vergangenen Jahr Ausstellungen von Tillmans im Pariser Centre Pompidou, im Albertinum in Dresden und im Haus Cleff in Remscheid zeigten. Tillmans ist ein Star. Seine Ausstellung in Paris wurde in dieser Zeitung als „das Kunstereignis des Sommers“ gefeiert. Und das, obwohl er in seiner Kunst meist auf das Kleine, Unspektakuläre setzt.
Wobei es im Espace Louis Vuitton durchaus größere Formate gibt. Aber es gibt wie beim „Venus Transit“ Bilder, die sind 40 Zentimeter oder kleiner. Und das Unspektakuläre, das ist gleich auf dem ersten Bild „Still Life, Bourne Estate II“: ein Teil von einem Fensterbrett, auf dem ein Router, Muscheln und ein paar andere Dinge liegen.

Bekannt wurde Tillmans in den Neunzigern aber mit anderen Bildern: denen einer queeren, lebens- und feierfreudigen Boheme in London, in die es in der Ausstellung nur einen kleinen Einblick gibt. Wie etwa auf dem Foto „Haselmaus“ von 1995, auf dem man Tillmans damaligen Freund Jochen Klein in Badehose vor einem Wasserfall sieht. Klein war ein bekannter Maler, der zwei Jahre später in München an Aids starb. Aids, für Tillmans ein wichtiges Thema, wie etwa die von ihm entworfene Aids-Memorial-Säule am Sendlinger Tor zeigt. Feiernde Menschen sieht man auch auf „Berlin“ von 2006, für das Tillmans eine alte Xerox-, eine Fotokopier-Arbeit aus den Achtzigern abfotografiert hat.
Tatsächlich fing es bei Tillmans damit an, dass er Bilder aus Magazinen fotokopiert hat. Fotografiert hat er zunächst nur, um weiteres „Quellmaterial“ zum Kopieren zu haben, wie Leon-Vincent Löhe erzählt. Von da an hat sich der heute 57-Jährige immer neue Techniken erarbeitet. Bei der Serie „Einzelgänger“ von 2003 arbeitete Tillmans ebenfalls ohne Kamera. Stattdessen hat er fotosensitives Papier in ein Entwicklungsbad gelegt, das Ganze geschüttelt und belichtet. Das Ergebnis sind großformatige, abstrakte Werke mit den Farben Rot und Schwarz.

Fotos wie „Stadium“ (2008) oder „Hanging Tulip“ (2020) sind in Tillmans’ Studio entstanden. Und sie belegen wie das Video „Peas“ von 2003, das für ihn alles bildwürdig ist. „Peas“ zeigt genau das: Erbsen, die in einem Topf kochen. Im Off hört man dabei aber einen Prediger aus einer christlichen Pfingstkirche gegenüber, dessen Worte zufällig in den Film geraten sind.
Und so ist es meist bei Tillmans: Man sieht oft nicht viel und davon auch nur einen Ausschnitt. Aber dazwischen, daneben, dahinter, da steckt die ganze Welt.
Wolfgang Tillmans. Passages Silencieux, bis 14. März, Espace Louis Vuitton, Maximilianstraße 2a, de.louisvuitton.com

