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Nach dem Tod seines Bruders Seki (†51) löste Kevin Kampl (35) nach 270 Bundesliga-Spielen seinen Vertrag bei RB Leipzig Anfang Januar auf. In BILD spricht er erstmals ausführlich über den Schicksalsschlag, der sein Leben veränderte und wegen dem er seine Karriere beendet!
BILD: Welche Erinnerungen haben Sie an den 22. Oktober?
KEVIN KAMPL: Ich war kurz vorm Training im Physioraum mit Timo Werner. Da kam ein Anruf von der Frau meines anderen Bruders. Sie sagte, man könne Seki nicht erreichen. Da bin ich direkt zum Flughafen. Mit der Landung in Solingen hatte ich die schreckliche Nachricht auf dem Handy. Ich bin ins Krankenhaus, vor dem 100 alte Freunde standen, und konnte mich noch von Seki verabschieden. Es war ein Herzinfarkt. Du siehst deinen Bruder da liegen, mit dem du eine Woche zuvor noch Arm in Arm auf Mallorca Geburtstag gefeiert hast. Da bricht dir alles unter den Füßen weg. Die letzten zweieinhalb Monate waren die bisher schlimmsten meines Lebens.
In der Todesanzeige heißt es: „Und immer sind da Spuren Deines Lebens: Gedanken, Bilder, Augenblicke und Gefühle.“ Welche haben Sie, wenn Sie an ihn denken?
Mein Bruder, der war für mich alles in einem. Mein Papa, mein bester Freund, mein Mentor, der mir den Weg gezeigt hat. Die letzten zehn Jahre haben wir alles zusammen gemacht. Wir haben uns irgendwie telepathisch verstanden. Meine Frau sagt, sie kann sich an keinen Urlaub ohne ihn erinnern. Zuletzt hatten wir einen Trip zur WM in die USA geplant. Meine Jungs wollten unbedingt noch mal Cristiano Ronaldo spielen sehen.
Brüder und beste Freunde: Kampl mit seinem verstorbenen Bruder Seki
Wie oft besuchen Sie sein Grab?
Ich bin jeden Tag am Grab meines Bruders und kann es irgendwie noch nicht ganz realisieren. Manchmal denke ich immer noch, er kommt gleich um die Ecke.
Von wem kam die schönste Nachricht in der schrecklichen Zeit?
Es kamen sehr viele, auch von vielen ehemaligen Trainern. Julian Nagelsmann zum Beispiel hat mir auch noch mal geschrieben: Glückwunsch zu deiner großartigen Karriere.
Am 3. Januar haben Sie Ihr Ende bei RB Leipzig bekannt gegeben. Wann ist die Entscheidung dazu gefallen?
Mitte November waren wir das erste Mal wieder in Leipzig. Ich saß mit meiner Frau in der Küche und wir haben uns beide angeguckt und gesagt: „Wir müssen nach Hause gehen.“ Was bringt das jetzt hier, wenn du woanders viel mehr gebraucht wirst.
In Ihrer Abschiedsnachricht schrieben Sie, dass es Ihrem Vater gesundheitlich nicht gut geht. Wie sieht es aktuell aus?
Er war jetzt kurz vor dem Tod meines Bruders auf der Intensivstation, weil er ein Drittel Blut verloren hatte. Er hatte schon mehrere Schlaganfälle und vieles mehr. Jetzt verliert er gerade aktuell wieder viel Blut. Aber er will nicht mehr ins Krankenhaus. Meine Mama pflegt ihn jetzt, das hat davor immer Seki gemacht. Für sie ist es auch eine schwere Situation. Sie ist in den vergangenen Monaten um zehn Jahre gealtert.
[–>270 Bundesliga-Spiele haben Sie absolviert. Welche Schulnote würden Sie Ihrer Karriere geben?
Eine Zwei. Ich habe für mich das Beste rausgeholt. Ich hatte so viele tolle Fußballer in meiner Jugend, die später auf der Strecke geblieben sind. Bei mir war, glaube ich, der Ehrgeiz das Entscheidende. Ich wollte das unbedingt.
Gibt es ein Spiel, an das Sie sich besonders gern erinnern?
Im Sommer 2024 das 3:2 in Leverkusen. Wir lagen 0:2 zurück. Meine Frau hat hinterher gesagt, sie hat von der Tribüne aus gesehen, wie unfassbar wütend ich war. Dann habe ich getroffen und wir haben am Ende noch den zuvor ungeschlagenen Meister besiegt.
Wer war Ihr bester Gegenspieler?
Florian Wirtz. Der ist schon unfassbar, hat diese leichte Arroganz in seinem Spiel. Aber auch dieses Bolzplatz-Gekicke.
Ihr bester Mitspieler?
Dani Olmo. Er war auch unfassbar, er konnte auf der Größe eines Bierdeckels fünf Spieler aussteigen lassen.
Kevin Kampl mit BILD-Chefreporterin Yvonne Gabriel im Leipziger Café & Restaurant „292 Karangahape Road“
Viele. Roger Schmidt ist fast wie Familie für mich. Das passiert ganz selten im Fußball. Vor allem zwischen einem Spieler und einem Trainer. Der ist so ein Typ, wenn er merkt, dass du alles für die Mannschaft gibst, kannst du ihn nachts um 3 Uhr anrufen. Aber wenn du Unruhe reinbringst, ist er knallhart.
Er wollte Sie 2017 nach China holen. Wie froh sind Sie, dass der Wechsel nicht geklappt hat und Sie stattdessen zu RB Leipzig gegangen sind?
Ich bin froh, wie es gekommen ist. Auch, wenn ich in China in drei Jahren so viel hätte verdienen können wie in 15 Jahren Bundesliga. Leverkusen wollte damals plötzlich mehr Ablöse sehen, 35 statt 28 Mio. Euro. Da hatten die Chinesen ihren Stolz und haben abgewinkt. Da hat Rudi Völler gesagt: „Dann bleibst du eben hier. Da freue ich mich auch.“ Parallel wollte mich Ralf Rangnick unbedingt. Der hat gesagt: „Du darfst nicht nach China gehen mit 25, das machst du nicht.“
Sind Sie eigentlich traurig, mit Slowenien nie an einer EM oder WM teilgenommen zu haben?
Das ist etwas, was mir fehlt. Ein bisschen schade ist es schon. Aber im Nachhinein war es für mich die richtige Entscheidung, im Nationalteam so früh (2018; Anm. d. Red.) aufzuhören. Eine Entscheidung für mein Sprunggelenk. Ich habe es aber auch zeitlich nicht mehr unter einen Hut bekommen mit zwei kleinen Kindern. Ich bin trotzdem stolz auf meine 28 Länderspiele.
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Wissen Sie noch, was am 21. Mai 2022 war?
Das Pokalfinale. Ich weiß noch, wie ich als Jugendspieler in Leverkusen mal in Berlin auf der Tribüne saß. Da träumst du und denkst: „Da einmal auf dem Rasen stehen …“ Und dann schaffst du es, holst den ersten Titel für den Verein. Ich habe eine Nachbildung des Pokals daheim stehen.
Nach dem Sieg haben Sie ein Foto in der Kabine gemacht, auf dem Sie Red Bull in den Pokal gießen. Anschließend gab es einen Shitstorm. Bereuen Sie das Foto?
Nein, gar nicht. Die Leute kippen da doch alles Mögliche rein. Ich habe ein paar Kommentare im Internet gelesen und geschmunzelt. Ich finde: Wer das Ding holt, kann da reinkippen, was er will.
Sie hatten in all den Jahren auch die verrücktesten Frisuren …
Bei Google findet man noch viele Bilder davon. Meine Frau zeigt sie mir manchmal und sagt: „Guck mal, wie du früher rumgelaufen bist.“ Aber das war so mein Markenzeichen. Wie die Rückennummer 44. Dafür brauchte es lange eine Sondergenehmigung. Bei meinem Wechsel nach Leipzig habe ich sogar gesagt: „Ich komme nur, wenn ich die 44 bekomme. Ich kann sonst nicht gut spielen.“ (lacht)
Legendär: Nach dem Pokalsieg 2022 gegen Freiburg kippte Kevin Kampl eine Dose Red Bull in den Pott
Was macht Kevin Kampl in 5 Jahren?
Ich bin Trainer in Leipzig. (lacht)
Sehen Sie sich an der Seitenlinie?
Ich mache jetzt meine Trainerscheine, kann mir das sehr gut vorstellen. Ich habe mit Oliver Mintzlaff gesprochen. Es wäre eine schöne Geschichte, irgendwann wieder zurückzukommen. Ich glaube, für so einen jungen Verein wie RB sind Leute mit einer Bindung zur Stadt und zum Klub wichtig. Der Zusammenhalt auch mit den Fans ist etwas Besonderes. Deswegen bin ich am Ende auch so lange hier gewesen. Hier fühle ich mich heimisch. Deswegen möchte ich auch nirgendwo anders mehr hingehen.
Also ist ganz Schluss mit der aktiven Karriere?
Ja! Ich hatte noch viele Angebote – aus der Bundesliga, aus der 2. Liga, aus der Türkei. Aber ich möchte auf einem guten Niveau und gesund aufhören. Und ich will 18 Jahre im Profifußball auch erst mal sacken lassen.
Kommen Ihre Jungs Jordi Noel (7) und Louis Jamie (6) nach dem Papa und wollen auch Fußballer werden?
Der Kleine ist sehr talentiert, beidfüßig und flink. Der Große ist ein bisschen schlaksiger, der könnte vielleicht Abwehrspieler werden. Sie lieben Fußball.

