Jetzt hat er ihn also doch noch gekriegt, seinen Friedensnobelpreis, jedenfalls so halb. Seit Monaten behauptet Donald Trump bei jeder sich bietenden Gelegenheit, es gebe niemanden, der diese Auszeichnung mehr als verdient habe er selbst. Und es ist von bemerkenswerter Ironie, dass er erst Caracas bombardieren und das Völkerrecht brechen musste, um nun tatsächlich die Medaille des Friedensnobelpreises 2025 dargeboten zu bekommen. María Corina Machado hat sie ihm am Donnerstag zum Mittagessen im Weißen Haus vorbeigebracht. „Als Anerkennung für seinen einzigartigen Einsatz für die Freiheit“, wie die venezolanische Oppositionsführerin und eigentliche Preisträgerin in Washington sagte.
Zwar hatte das norwegische Nobelpreiskomitee deutlich gemacht, dass dieser Preis nicht übertragbar sei. Aber das ist ein Detail, das Trump nicht weiter zu stören scheint. Er lebt in der Welt, die er erschaffen hat. Und in dieser Welt ist er, der Venezuela ausbeuten und Grönland erobern will, jetzt der offiziell größte Friedensengel.
Wer was von ihm will, der muss ihm was schenken, so einfach ist das. Die Schweizer brachten Goldbarren sowie eine Rolex mit. Von Katar gab es einen Jumbo-Jet für den US-Präsidenten. Und vermutlich hat Machado schlichtweg keine andere Chance gesehen als mit dieser schamlosen Schmeichelei, um doch wieder irgendwie ins Spiel zu kommen in den Verhandlungen um die Zukunft Venezuelas. Zur allgemeinen Überraschung arbeitet Trump seit dem Coup von Caracas und dem Sturz von Diktator Nicolás Maduro ja nicht mit Machado zusammen, sondern mit Maduros weiterhin treu ergebener Vizepräsidentin Delcy Rodríguez. Also mit der nun höchsten Vertreterin einer Regierung, die von den USA seit Jahren nicht mehr als legitim anerkannt und stattdessen als „narco-terroristisch“ bezeichnet wird. Kurz vor dem mit Spannung erwarteten Besuch der venezolanischen Nobelpreisträgerin in Washington schwärmte Trump dann auch noch von einer „wunderbaren Person“ – und meinte nicht Machado, sondern Rodríguez.
Hinter all dem stecken wohl auch realpolitische Erwägungen. Maduro ist zwar weg, aber sein Regime ist noch da. Zu dessen Führungsfiguren zählt neben Delcy Rodríguez in erster Linie auch Diosdado Cabello, der offiziell als Innenminister firmiert, aber als der eigentliche Despot von Caracas gilt. Er ist der Mann, vor dem die Regimekritiker zittern. Die Armeeführung und der Inlandsgeheimdienst scheinen seit mehr als einem Jahrzehnt vor allem den Anweisungen Cabellos zu folgen. Und offenbar tun sie das weiterhin.
Machado ist eine Oppositionsführerin ohne Bewegung: Die meisten Oppositionellen sind im Exil
María Corina Machado wiederum ist eine Oppositionsführerin ohne Oppositionsbewegung. Sie hätte vermutlich gar nicht die Leute, um aus dem Stehgreif heraus eine Übergangsregierung anzuführen, denn die meisten einflussreichen venezolanischen Oppositionellen haben sich in den vergangenen Jahren aus nachvollziehbaren Gründen ins Exil begeben. Sie leben wie Leopoldo López oder Edmundo Gonzáles, der geprellte Gewinner der Präsidentschaftswahl von 2024, in Madrid, wie Juan Guaidó, der gescheiterte Interimspräsident von 2019, in Miami. Oder wie Roberto Patiño in New York City.
Patiño, 37, hat als Treffpunkt ein Lokal mit Mittagsbüffet in Midtown Manhattan ausgesucht, nicht unbedingt, weil es ihm dort so gut schmeckt, sondern weil seine Frau um die Ecke noch einen Termin zum Ultraschall hat. Die beiden erwarten ihr zweites Kind im Frühsommer. Sie hoffen, dass es anders aufwachsen kann als die knapp zweijährige Tochter. „Die hat nie ihr Heimatland gesehen“, sagt Patiño, während er mit einer Plastikgabel in seinem Salat stochert.
Roberto Patiño legte sich einst als Studentenführer und Menschenrechtsaktivist mit der Regierung in Caracas an, etwa indem er mit seiner NGO „Alimenta La Solidaridad“ warme Mahlzeiten an Kinder verteilte, um die humanitäre Krise zu lindern – eine Krise, deren Existenz das Regime stets abstritt. Vor allem Diosdado Cabello bezeichnete Patiño deshalb immer wieder öffentlich als CIA-Agent. 2020 erging der erste Haftbefehl.

Vier Jahre später, als sich Patiño gerade bei der Münchner Sicherheitskonferenz aufhielt, wurde in Caracas seine Wohnung auf den Kopf gestellt. Er sagt, es habe für ihn keinen Zweifel gegeben, dass es sich um Agenten des Inlandsgeheimdienst Sebin gehandelt habe, die ihn verhaften wollten. Patiños Frau war in München dabei – und damals mit dem ersten Kind schwanger. Sie beschlossen spontan, nicht nach Caracas zurückzukehren. Mit einem einzigen Koffer zogen sie von München direkt nach New York. Da ist jetzt neuerdings auch der Mann, vor dem sie geflüchtet sind, Nicolás Maduro – immerhin in einer Zelle.
Wie er die Lage jetzt sieht, rund zwei Wochen nach dem US-Militäreinsatz in Caracas? „In jeder Hinsicht kompliziert“, sagt Patiño: „Es sieht so aus, als würde Delcy Rodríguez nun möglichst viele wirtschaftliche Zugeständnisse machen, um möglichst wenig politische Zugeständnisse machen zu müssen.“ Ja, es wurden zuletzt einige politische Gefangene freigelassen, aber bei Weitem nicht alle. Trump scheint das nicht zu stören, ihm geht es nicht um die Menschenrechte, sondern um das Erdöl. Und diesbezüglich scheint er mit der bisherigen Kooperationsbereitschaft des venezolanischen Rest-Regimes extrem zufrieden zu sein. „Dem Präsidenten gefällt, was er sieht“, sagte Pressesprecherin Karoline Leavitt am Donnerstag über Rodríguez, während ihr Chef noch mit Oppositionsführerin Machado speiste.
Als er am Morgen des 3. Januar im Exil erwachte und die Eilmeldung von der Absetzung Maduros sah, das habe er laut gejubelt, sagt Roberto Patiño. Er hielt das für das Ende eines langen Alptraums – allerdings nur bis einige Stunden später die Pressekonferenz mit Donald Trump in Mar-a-Lago begann. Das sei für die gesamte venezolanische Opposition „wie eine Eisdusche“ gewesen, sagt Patiño. Denn da wurde plötzlich klar: „Das Regime bleibt, nur eben ohne Maduro.“
Patiño sieht jetzt die Gefahr der „Konsolidierung einer Delcy-Diktatur mit dem Stempel der USA“. Das wäre aus seiner Sicht dann noch schlimmer als vorher. Zuvor seien die Amerikaner wenigstens gegen die Diktatur in Caracas gewesen. „Jetzt stützen sie sie offenbar, wenn sie dafür Öl bekommen.“
Für Machado, die mit US-Außenminister Marco Rubio freundschaftlich verbunden ist, war es ein besonders schwerer Schlag, dass Trump sie nach dem 3. Januar so rüde beiseiteschob. Dabei hatte sie so ziemlich alles unternommen, um sich mit dem Weißen Haus gutzustellen. Mitunter wirkte es sogar so, als habe sie die Ideen für die Trump-Regierung entwickelt. Schon Monate bevor die Amerikaner erste angebliche Boote mit Dealern aus der Luft bombardierten, sprach Machado über eine große Anti-Drogen-Operation in der Karibik. Sie sagte auch, dass amerikanische Ölfirmen in einer Post-Maduro-Ära beste Investitionschancen hätten. Vor allem aber begrüßte sie den Militärschlag auf Caracas und widmete ihren Nobelpreis dem Mann, der ihn am dringendsten wollte. Und was ist der Dank? Als Maduro dann tatsächlich weg war, sagte Trump über Machado: „Sie ist eine nette Frau, aber sie wird in ihrem Land nicht genügend respektiert.“
An dieser Meinung habe sich auch nichts grundlegend geändert, sagte Trumps Sprecherin Leavitt am Donnerstag. Den Amerikanern ist offenbar klar, dass sie Bodentruppen nach Venezuela schicken müssten, um Machado zum gegenwärtigen Zeitpunkt als Interimspräsidentin einzusetzen. Die meisten Venezolaner sind zwar gegen Maduro. Aber die alte Armeeführung ist noch da, sie ist der Kern dieses Regimes. „Das ist keine Frage von Menschen, sondern von Waffen“, sagt Roberto Patiño, der Machado lange und gut kennt.
Seiner Ansicht nach hätte es das Mindestziel ihres Besuchs im Weißen Haus sein müssen, den US-Präsidenten für ein festes Datum für freie und faire Neuwahlen in Venezuela zu gewinnen. Das hat Machado offensichtlich nicht geschafft.
Karoline Leavitt sagte am Donnerstag lediglich, Trump wolle „eines Tages“ wieder Wahlen in Venezuela sehen. Das ist ein recht dürftiger Ertrag im Austausch für eine Nobelpreisplakette.

