Celinas Sprengers Friseursalon war schon rosa, lange bevor die
AfD eine Tür weiter einzog. Die Wände in Blassrosa, die Stühle in einem
dunkleren Ton, die Pinsel für die Haarfarbe leuchten knallpink. Als Sprenger
den Salon vor viereinhalb Jahren inmitten grauer Plattenbauten in der Berliner
Gropiusstadt eröffnete, wollte sie eine Farbe, die ihr jeden Morgen gute Laune
macht, sagt sie.
Seit knapp drei Wochen teilt sich die 26-Jährige eine Wand
mit dem neuen Bürgerbüro des Berliner AfD-Abgeordneten Robert Eschricht. Fast
genauso lange hängen auch die rosafarbenen Plakate mit der Aufschrift »F*ck
AfD« in Sprengers Schaufenster. Das
Rosa ihres Ladens wirkt neben dem Blau der AfD auf einmal wie ein Protest. Ein passender Kontrast, wie Sprenger findet. »Wir lieben Demokratie« steht an der Tür des AfD-Büros. Das
Verb ›lieben‹ wurde durch blaue Herzen ersetzt. Daneben ein fast lebensgroßer Aufdruck
von Eschricht, hinter ihm der Berliner Bär, der Fernsehturm und die
Viktoria-Statue der Siegessäule. Drinnen hängen eingerahmte Wahlplakate, eine
Deutschland- und eine Berlinflagge.
Am Sonntag
wird in der Hauptstadt gewählt. Auch in Berlin darf die AfD auf ein gutes Ergebnis
hoffen. In den Umfragen steht sie bei 18 Prozent, im Vergleich zu 2023 würde sich
ihr Wert damit mehr als verdoppeln. Die Gropiusstadt, wo Sprenger ihren Salon allein führt, liegt im Süden von Berlin, im Bezirk Neukölln. Knapp 40.000 Menschen leben hier in Hochhäusern. Mehr als die Hälfte von ihnen hat einen Migrationshintergrund, jeder Vierte keinen deutschen Pass. Bei den vergangenen Bundestagswahlen haben hier etwa 20 Prozent der Wählerinnen und Wähler der AfD ihre Stimme gegeben. Sichtbar war die Partei in der Gropiusstadt dennoch nie. Bis jetzt. Die AfD zieht nun in die Nachbarschaft ein. Doch Menschen wie Celina Sprenger wollen das nicht hinnehmen.
An diesem
regnerischen Mittwochvormittag steht Sprenger in ihrem Salon. Ihre langen
braunen Haare trägt sie offen, den Pony hat sie nach hinten gesteckt. Eine Kundin sitzt auf einem der Stühle. Dass ihr Salon und das AfD-Büro direkt nebeneinanderliegen, ist für Sprenger ein Sinnbild für die Stimmung in der Gropiusstadt. Dort nimmt Sprenger
eine wachsende Polarisierung wahr – zwischen denen, die die AfD
unterstützen, und jenen, die sie fürchten oder zumindest nicht in der
Nachbarschaft haben wollen.
Für
Politik interessiert sich die Friseurmeisterin schon lange, hat auch bereits an Demonstrationen teilgenommen. Doch richtig aktiv sei sie erst, seit die
AfD nebenan ihr Büro hat. »Ich fand es
schlimm, dass die AfD einen Platz bekommen hat in der Nachbarschaft, in der ich
lebe, arbeite und so viele Menschen kenne. Ich musste zeigen, dass ich nicht
dazugehöre – und dass ich es nicht cool finde, dass sie hier sind.«
Auf
Instagram, wo sie Einblicke in ihren Alltag gibt, veröffentlicht
sie jetzt auch politische Inhalte. Auf einem Video tanzt sie vor den Plakaten
in ihrem Schaufenster, in einem anderen Post zeigt sie die Haarschnitte ihrer
Kundinnen und erklärt dabei, warum man die AfD nicht wählen sollte.
»Ich suche eigentlich immer das Gespräch«
Für ihren Protest
erhält sie viel Zuspruch. Die Plakate in den Schaufenstern locken fast täglich
Passanten in ihren Laden, die mit ihr über Politik sprechen und ihre Solidarität
bekunden wollen. Auch mit ihren Kundinnen redet sie öfter über Politik als zuvor.
»In meiner Ausbildung habe ich gelernt, dass das eigentlich ein
No-Go ist«, sagt sie. »Dabei kommt man beim Friseur mit Menschen ins Gespräch,
die man sonst nicht treffen würde. Da muss man doch gerade über so etwas
Wichtiges wie Politik sprechen.«
Die meisten
ihrer Kundinnen – fast ausschließlich Frauen, sagt Sprenger – leben wie sie selbst
in der Gropiusstadt. Dass manche von ihnen AfD wählen, kann Sprenger
nicht ausschließen. Offen zugegeben habe es noch keine. Zu Diskussionen oder
eisigem Schweigen kommt es trotzdem nicht. Im Gegenteil: »Ich suche eigentlich
immer das Gespräch«, so Sprenger. »Wenn Kundinnen mit Vorurteilen kommen, frage ich nach, ob sie die Erfahrungen wirklich selbst gemacht haben
oder ob sie in den Medien etwas aufgeschnappt haben, was gar nicht der Realität
entspricht.« Sie sei neugierig auf die andere Perspektive. Nicht immer klappt
das auch. Einmal, erzählt sie, sei sie mit einem Kunden beim Thema Feminismus
dermaßen in Streit geraten, dass beide beschlossen hätten, getrennte
Wege zu gehen.
Dass AfD-Mann Eschricht hier sein Büro eröffnet hat, liegt am Wählerpotenzial,
das er in der Nachbarschaft vorzufinden glaubt. Auf Nachfrage spricht er von etwa 100.000
»konservativen« Wählern in der Umgebung. Unter einigen Bewohnern stieß das neue
AfD-Büro auf große Kritik. Parallel zur Eröffnungsfeier veranstaltete das Bündnis
Neukölln eine Kundgebung, an der auch Sprenger teilnahm.
Er wünsche sich gute Nachbarschaft, sagt der AfD-Mann
Nicht jeder
findet Sprengers Protestaktionen gut, im Netz habe sie auch Drohungen erhalten.
»Einer kommentierte, dass doch mal jemand im Auto in meinen Laden fahren sollte«,
sagt sie. Sprenger schließt seither ihre
Tür auch tagsüber oft ab und zieht im Laden die Vorhänge zu.
In Kontakt stehen Eschricht und Sprenger nicht, das
bestätigen beide. Eschricht sagt, er wolle im Kiez »ansprechbar sein und
Vorurteile abbauen«. Ihm persönlich machten die Plakate und Instagram-Posts
seiner Nachbarin nichts aus. Er spricht
von Meinungsfreiheit und dem Wunsch nach guter Nachbarschaft.
Die Hausverwaltung der Gropius Wohnen, die beide
Gewerbeflächen vermietet, sieht Sprengers Engagement kritisch. Vor zwei Wochen
forderte sie Sprenger schriftlich dazu auf, die Plakate zu entfernen. Sprenger
hat nach eigenen Aussagen ein Gespräch angeboten, aber keine Antwort erhalten.
Auch auf Anfrage der ZEIT meldete sich Gropius Wohnen nicht. Ihre rosafarbenen
Plakate hat Celina Sprenger bislang nicht abgenommen.

