Die Nachricht kam auch für viele Beschäftigte überraschend – und ist doch die Folge einer längeren Entwicklung: Der seit fast 100 Jahren in Freising ansässige Werkzeug-Fachhandel Praetner schließt Ende März seine Tore. Den 43 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Familienunternehmens wurden vor einer Woche bei einer Betriebsversammlung ihre Kündigungen ausgehändigt. Firmenchef Louis Praetner hat nach drei Jahren tief in den roten Zahlen keine andere Möglichkeit mehr gesehen, sagt er sichtlich betroffen: „Eine Entscheidung, die ich ganz schweren Herzens treffen musste.“
Besonders bitter ist für ihn dabei der Hintergrund der Firmenschließung. Denn die 1929 als Eisenhandlung gegründete „Praetner GmbH Co Handels KG“ beliefert als mittelständisches Unternehmen Handwerksbetriebe und Baufirmen mit Werkzeugen, Bauelementen, Befestigungs- und Sicherheitstechnik – ein eigentlich gesundes Geschäftsmodell, das jetzt zum Opfer der anhaltenden Flaute speziell in der Bauindustrie geworden ist.
Die deutsche Baubranche steckt in der schwersten Krise seit Jahrzehnten. Gestiegene Zinsen, explodierende Baukosten sowie der herrschende Fachkräftemangel haben den Wohnungsbau massiv zurückgehen lassen: 2024 wurden laut Statistischem Bundesamt nur noch 252 000 Wohnungen fertiggestellt – ein Minus von 14,4 Prozent gegenüber 2023. In den beiden Vorjahren hatte die Zahl noch bei jeweils rund 294 000 gelegen. Die Folgen treffen Zulieferer wie Praetner mit voller Wucht.
„Bei uns kaufen Handwerker, Baufirmen und Bauträger“, sagt Firmenchef Praetner. Dieses Geschäft sei in den vergangenen drei Jahren weggebrochen. Geschäftsführer Thomas Biersack wird präziser: Wenn keine Wohnungen gebaut würden, kaufe niemand Schließanlagen, Briefkästen oder Türen. Zusätzlich gebe es einen Investitionsstau bei den Unternehmen, Sanierungsmaßnahmen würden geschoben, Reparaturen nur notdürftig vorgenommen. Handwerker ohne Aufträge aber bräuchten kein Werkzeug, verdeutlicht Biersack: „Das alles summiert sich in die Hunderttausende.“
Biersack hat sich in dem Familienunternehmen Praetner vom Lehrling in seine jetzige Position hochgearbeitet. Er bestätigt seinen Chef, wenn der sagt, dass auch ein gesundes Unternehmen Umsatzeinbrüche im zweistelligen Prozentbereich nicht dauerhaft wegstecken könne. Und dem Preiskampf, der unter den Zulieferern entbrannt sei, habe man als Kleiner in der Branche kaum etwas entgegenzusetzen.
Versucht hat man gleichwohl alles, um die traditionsreiche Firma zu retten. Das Unternehmen habe immer zu Freising gehört, man sei der Stadt verbunden und vor allem auch den Mitarbeitern, die teilweise seit Jahrzehnten in dem Betrieb arbeiteten, betont Praetner. Man habe Kosten gespart, frei werdende Stellen nicht mehr besetzt und die Verluste des ersten Jahres sogar „mit Eigenmitteln der Familie“ ausgeglichen, sagt er: „Wir sind kein rein Rendite-orientiertes Unternehmen, wir haben zu unseren Mitarbeitern auch eine Verbindung.“
Man habe aber auch eine sehr breite Produktpalette und viele Abteilungen, die mit nur einem Mitarbeiter nicht mehr arbeiten könnten, zeigt Praetner die Grenzen der Rettungsversuche auf. Ein weiterer Personalabbau sei nicht mehr möglich gewesen – und als die Konjunktur 2025, anders als erhofft, nicht wieder angesprungen sei, habe er eine Entscheidung treffen müssen.
Um eine auch für die Mitarbeitenden schlechte Insolvenz zu vermeiden, soll die Firma jetzt schlicht geschlossen werden. Statt eines Sozialplans setzt Praetner auf sehr lange Kündigungsfristen. Bei langjährigen Mitarbeitern seien das bis zu sieben Monate, in denen sie Zeit hätten, sich einen neuen Job zu suchen. Schwierigkeiten dürften sie damit angesichts des Fachkräftemangels nicht haben, davon sind Praetner und Biersack überzeugt: „Das sind lauter gut ausgebildete, motivierte Spezialisten.“
Lob für Unterstützung durch das Arbeitsamt
Voll des Lobes ist Praetner in seiner Situation für das Freisinger Arbeitsamt. Nachdem er die Entlassungen gemeldet habe, sei die Behörde innerhalb kürzester Zeit mit vier Mitarbeitern bei ihm in der Firma angerückt, um die Arbeitslosmeldungen aufzunehmen und seinen Leuten damit den Gang zum Arbeitsamt erst einmal zu ersparen. Das sei nicht selbstverständlich.
Zum Teil seien die Mitarbeiter von der Schließung überrascht worden, räumt Biersack ein. Manch einer habe sicher nicht so genaue Einblicke in den Ernst der Lage gehabt. Bei der Betriebsversammlung, in der man das Ende verkündet habe, seien viele traurig gewesen, man sei aber auch auf Verständnis gestoßen.
Bis 31. März läuft die Firma normal weiter. Anschließend wird der Lagerverkauf abgewickelt. Was mit dem 18 000 Quadratmeter großen Firmengelände im Gewerbegebiet Gute Änger, das Praetner gehört, geschehen soll, will der Firmenchef erst danach entscheiden. Jetzt gelte es erst einmal, ein geordnetes Ende herbeizuführen, sagt er. Er habe die Kündigungen alle eigenhändig unterschrieben und persönlich überreicht: „Das war die schlimmste Aufgabe, die ich in all den Jahren zu übernehmen hatte. Es ist eine bittere Geschichte, nach 97 Jahren aufgeben zu müssen. Wir hätten mindestens die 100 schon gerne vollgemacht.“
