Hettstedt (Sachsen-Anhalt) – Noah ist neun Jahre alt. Und er hat nur

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Hettstedt (Sachsen-Anhalt) – Noah ist neun Jahre alt. Und er hat nur einen Wunsch: Er will wieder zur Schule gehen. Wie alle anderen. Im Klassenzimmer. Doch seit Wochen sitzt der Junge zu Hause. Aus Angst. Wegen Mobbing und Gewalt.

Seine Mutter Juliane H. (34) ringt um Worte, wenn sie erzählt, was ihr Sohn im vergangenen Jahr an der Novalis-Grundschule in Hettstedt (Sachsen-Anhalt) erleben musste. Der Schmerz sitzt tief. Die Sorge um ihr Kind noch tiefer.

Mitschüler drohten mit dem Tod

Laut internen Schulunterlagen, die BILD vorliegen, wurde Noah über Wochen „eingeschüchtert und bedroht“. Vier Jungen und zwei Mädchen aus seiner Klasse sollen ihm immer wieder zugerufen haben: „Wir töten dich!“ und: „Wir stechen dich ab!“

Noah hält sich das iPad vor sein Gesicht. Darauf steht, was ihm Mitschüler immer wieder androhen: „Wir töten dich“

Noah hält sich das iPad vors Gesicht. Darauf steht, was Mitschüler ihm androhen: „Wir töten dich“

Auf der Toilette und sogar in der Hofpause zogen Mitschüler ihrem Sohn die Hose herunter. Demütigung. Bloßstellung. Mobbing. Ein Mitschüler schlug und trat Noah in den Bauch. „Mein Kind hatte Todesangst“, sagt die Mutter.

Lange schwieg der Neunjährige. Er fraß alles in sich hinein. Bis es nicht mehr ging. Zu Hause brach Noah zusammen, zog sich völlig zurück. „Es hat lange gedauert, bis er sich öffnen konnte“, sagt Vater David H. (38). Erst nach und nach habe Noah erzählt, was ihm angetan wurde.

Seitdem geht Noah nicht mehr zur Schule. Seine Eltern unterrichten ihn nun zu Hause.

[–>Homeschooling wie in Corona-Zeiten

„Wir bekommen Arbeitsblätter von der Schule“, erzählt Mutter Juliane. „Noah bearbeitet sie, wir schicken alles zurück an die Lehrer.“ Für die 34-Jährige fühlt sich das an wie ein Albtraum: „Es ist, als wären wir wieder im Corona-Lockdown.“

Daheim am Wohnzimmertisch helfen die Eltern ihrem Sohn beim Erlernen des Unterrichtstoffs

Papa David und Mama Juliane helfen daheim am Wohnzimmertisch ihrem Sohn beim Lernen

Noah wird psychologisch betreut. Die Diagnose „Angstzustände/Angststörung“ ist der Schule bekannt. Die Schulleiterin schlug vor: „Wenn Noah Sehnsucht nach der Schule hat, kann er gern 1./2. Stunde mal in die Schule kommen.“

Schule lehnt Wunsch der Eltern ab

Juliane H. bat darum, während dieser Stunden im Schulflur warten zu dürfen: „Das hatte sich unser Noah gewünscht, einfach um das sichere Gefühl zu haben, Mama ist in Reichweite.“ Aus Sicht der Eltern wäre das notwendig gewesen. Denn einer der Schläger (11) griff bereits eine pädagogische Mitarbeiterin der Schule an und verletzte sie. Der Vorfall ist aktenkundig. Doch die Schule lehnte ab – wegen „versicherungstechnischer Probleme“. Eine Lösung gab es nicht.

Die Schulprotokolle belegen die Mobbing- und Gewaltattacken gegen den 9-Jährigen

Die Schulprotokolle belegen die Mobbing- und Gewaltattacken gegen den 9-Jährigen

Dann wandte sich die Familie an den Anti-Mobbing-Aktivisten Carsten Stahl (53). Der riet den Eltern, Anzeige bei der Kripo zu erstatten.

Anti-Mobbing-Coach bietet Schule Unterstützung an

BILD konfrontierte das Landesschulamt mit dem Fall. In der Stellungnahme heißt es: „Es ist ungeklärt, ob es sich um Mobbing im fachlich zutreffenden Sinne oder einen anders gelagerten Konflikt zwischen Kindern handelt. Noah ist seit dem 29. Oktober nicht mehr in der Schule. Eine klärende Fallbearbeitung, die Noah einbeziehen muss, ist darum bisher nicht möglich gewesen.“ Außerdem wird darauf verwiesen, dass „keines der beteiligten Kinder strafmündig“ sei.

Der bekannte Anti-Mobbing-Aktivist Carsten Stahl (53) bietet der Novalis-Grundschule seine Hilfe an

Der bekannte Anti-Mobbing-Aktivist Carsten Stahl (53) bietet der Novalis-Grundschule seine Hilfe an

Konsequenzen gab es bislang nicht. Die verantwortlichen Schüler wurden bislang nicht zur Rechenschaft gezogen. „Die Eltern des Schlägers gaben bei der Schule Schokolade und Blumen ab. Als könnten ein paar Süßigkeiten das Problem erledigen“, sagt Noahs Mutter wütend. Inzwischen wird der Familie ein Schulwechsel nahegelegt. Für die Eltern ein Schlag ins Gesicht: „Das wäre totale Opfer-Täter-Umkehr. Bestraft würde unser Junge, der die Schule wechseln müsste.“