Im Westen steigen nun nach ihrer Bye-Week auch die Seattle Seahawks ins Playoffrennen ein. Durch den ersten Platz in der NFC, den sich die Seahawks im Laufe der Saison erspielt hatten, konnte sich das Team um Quarterback Sam Darnold sieben wichtige Tage der Extravorbereitung und Erholung erspielen.
Nach knapp fünf Monaten intensivster Belastungen für die Körper der Spieler ein Vorteil, der nicht zu unterschätzen ist. Während die stark verletzungsgebeutelten 49ers letzte Woche sich über vier Viertel in einem hart geführten Duell gegen die Philadelphia Eagles den Sieg erkämpfen mussten, konnten die Spieler der Seahawks sich entspannt ansehen, wer ihr Gegner sein würde.
Die Seahawks haben ihre Geschicke letztes Jahr nach dem Abgang von Legendencoach Pete Carroll in die Hände von Mike Macdonald übergeben. Ein Schritt, der von vielen Fans skeptisch gesehen wurde. Speziell, da Pete Carroll auch den etablierten Spielmacher Geno Smith mitnahm und somit das Team aus Seattle mehr Baustellen hatte, als eigentlich nötig. Doch Macdonald hatte einen Plan. Und dieser hieß nicht leichte Renovierung mit ein bisschen neuer Farbe und ein paar neuen Möbeln à la Tine Wittler, sondern wollte einen Neubau im Stile von Bob dem Baumeister.
Ende einer Legende?: DIESER Abgang tut NFL-Fans weh
Er hatte an seiner vorherigen Wirkungsstätte bei den Baltimore Ravens eine Defense auf die Beine gestellt, die 2023 aufgrund ihrer bollwerkmäßigen Leistungen die Saison souverän auf dem ersten Platz der gesamten NFL beendete.
Die Seahawks schafften es damals gerade mal auf den siebtletzten Platz. Nun, genau zwei Jahre später, sieht die Welt komplett anders aus. Die Ravens ohne Macdonald sind auf den 18. Platz abgestürzt und haben den Sprung nicht mal in die Playoffs geschafft, während die Seahawks-Defense sich stolz auf die Schultern klopfen kann. Sie haben sich unter ihrem neuen Headcoach um sage und schreibe 23 Plätze verbessert und dürfen von sich nun als zweitbeste Defense der kompletten NFL sprechen.
Was mich persönlich am meisten in den letzten Wochen der Saison beeindruckt hat, ist die Tatsache, dass die Seahawks sich seit Woche 14 speziell gegen den Lauf noch einmal richtig gesteigert haben.
Kein Runningback schaffte es mit dem Ball in der Hand, für mehr als elf Yards am Stück zu laufen. Und das trotz der Tatsache, dass in den Reihen der Gegner absolute Ausnahmetalente wie Bijan Robinson, Jonathan Taylor und Rico Dowdle auf dem Feld standen.
Der 49ers-Coach Kyle Shanahan wird also Überstunden vor dem Bildschirm verbringen, um sein Team perfekt auf die kommende Aufgabe einzustellen. Er wird auch garantiert noch einmal einen genauen und ausführlichen Blick auf das letzte Aufeinandertreffen der beiden Teams werfen, denn seine Offense schaffte es gerade mal mit einem Field Goal, drei Punkte auf die Anzeigetafel zu bringen.
Mit 13:3 gerieten die 49ers im heimischen Stadion zum Saisonabschluss regelrecht unter die Räder. Purdy erwarf gerade mal 125 Yards. Runningback Christian McCaffrey schaffte es nicht mal, dreißig Yards zu erlaufen. Die 49ers wirkten regelrecht entzaubert.
Mitten im Spiel: Horror-Verletzung bei NFL-Star
Doch Shanahan zeigte daraufhin letzte Woche beim Wildcard-Spiel gegen die Eagles, dass er zu Recht für viele Fans und Experten dieses Jahr den Titel als Trainer des Jahres innehaben sollte. Sein Team wirkte mehr als verändert. Mit Willen und Herzblut bewegten die 49ers den Ball und erwischten die Eagles regelrecht auf dem falschen Fuß. Und das schaffte Shanahan mit einem Team, bei dem mehr als 100 Millionen an Gehältern von Leistungsträgern verletzungsbedingt nicht am aktuellen Spielbetrieb teilnehmen können. Eine absolute Meisterleistung.
Erst recht, wenn man bedenkt, dass die 49ers früh in der Partie sogar auch noch ihren Top-Tight-End George Kittle mit einer Achillessehnenverletzung verloren haben. Kreativ baute er seine Offense danach sogar im Laufe des Spiels noch um. Setzte Spieler in Szene, die die Eagles so nicht auf dem Zettel hatten. Vom Fullback Kyle Juszczyk, der mit Pässen von Brock Purdy einen elementaren Beitrag am Sieg hatte, bis hin zum Trickspielzug, bei dem Wide Receiver Juan Jennings kurz mal die Rolle des Quarterbacks einnahm und den Ball 29 Yards zum Touchdown warf – die Ansammlung von Assen im Ärmel Shanahans schien schier endlos zu sein.
Wie viele davon werden in der Nacht von Samstag auf Sonntag noch übrig sein? Was hat Shanahan noch so parat? Fragen über Fragen, deren Antwort wir live mitverfolgen können und sollten. Denn in einem der lautesten Stadien der gesamten NFL zu bestehen, ist im regulären Spielbetrieb schon eine fast unlösbare Aufgabe.
Jetzt, mit der Aussicht, dem Super Bowl einen Schritt näher zu kommen, werden die Seahawks-Fans alles daransetzen, ihrem Team mit einer Extraportion Lautstärke unter die Flügel greifen zu können. Ich durfte selbst schon live im Stadion miterleben, wie laut sein kann. Die Kommunikation auf dem Rasen wird also für die 49ers-Offense rund um Quarterback Brock Purdy ein Ding der Unmöglichkeit sein. Ein klarer Vorteil für die Seahawks.
Eine echte Chance auf das Erreichen der nächsten Runde haben die Seahawks aber nur, wenn ihre Offense vorlegt und sich als Erstes einen Punktevorsprung erspielen kann.
Quarterback Sam Darnold hat sein Team nun zu sieben Siegen in Folge geführt und wird mit ganz breiter Brust auflaufen. Und diese Extraportion Selbstvertrauen wird der 28-Jährige auch brauchen. In den beiden Aufeinandertreffen mit den 49ers im Laufe der Saison blieb es ihm verwehrt, auch nur einen einzelnen Touchdown zu werfen. Und das, obwohl er sich im Laufe der Saison mit seinem Receiver Jaxon Smith-Njigba regelmäßig zu einer der gefährlichsten Kombis der gesamten NFL etablieren konnte. Mit 1.793 erfangenen Yards steht Smith-Njigba sogar souverän auf dem ersten Platz aller Bällefänger der Liga.
Doch nach der guten Leistung der 49ers-Defense gegen das Passspiel der Eagles letzte Woche sollten sich die Seahawks auf das besinnen, was sie auch richtig gut können. Nämlich den Ball zu laufen, um so dann auch das Risiko möglicher Turnover zu vermeiden.
Seahawks-Quarterback-Legende Matt Hasselbeck hat einen wichtigen Rat für seinen aktuellen Nachfolger parat: „Du musst es nicht alleine schaffen. Es ist ein Teamspiel, und diese Defense ist wirklich so, so gut. Also wäre das mein Ratschlag: Gib dieser Defense ein langes Feld zu verteidigen. Vermeide Turnover!“
Und genau das ist ein bisschen das Problem von Darnold und Co. Mit 15 Interceptions steht die Seahawks-Offense auf dem siebten Platz der gesamten Liga. Aber eben leider vom hinteren Ende aus betrachtet.
[–>Der Plan für Seattle kann also nur lauten: regelmäßig laufen, um dann den sicheren Pass spielen zu können. Und mit der Rückkehr von Left Tackle Charles Cross ist die O-Line der Seahawks auch genau zum richtigen Zeitpunkt wieder komplett vereint, um dieses Kalkül in die Tat umzusetzen.
Seattle hat also alle Vorteile in der eigenen Hand.
Inklusive eines massiven Heimvorteils. Aber solange das Genie Shanahan an der Seitenlinie der 49ers steht, sollte man ihn und sein Team niemals abschreiben.
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[–>Mehr NFL gibt es im Podcast. Jeden Montag und Freitag nehme ich hier mit meinem Kollegen Mike Stiefelhagen alles unter die Lupe, was rund um den Spieltag Thema ist. Von der Analyse der einzelnen Partien bis hin zu den neuesten News ist immer alles dabei, was das Football-Fanherz begehrt.

